Mit KI arbeiten · September 2026
„5 KI-Prompts für 2026“, und warum der beste davon uns ausfragt
Im Januar versprach ein Technikmagazin fünf aufeinander aufbauende Prompts, also Anweisungen an eine KI, die uns Schritt für Schritt zu einem persönlichen 30-Tage-Plan führen. Mein LinkedIn-Feed ist voll mit solchen Listen: die zehn besten Prompts für Führungskräfte, fünfzig für das Marketing, einer, der angeblich alles ändert. Gespeichert haben viele von uns so eine Liste schon. Ich auch. Wieder geöffnet habe ich sie selten.
- „Warum die klassische Jahresplanung scheitert […] und diese fünf KI-Prompts besser funktionieren“
- — Überschrift bei t3n, Januar 2026
Was an der Liste stimmt
Die Überschrift nimmt den Mund voll: Die klassische Jahresplanung scheitere. Bei manchen von uns trägt ein Jahresplan seit Jahren, bei anderen hält er kaum bis Februar. Ein Stück weit hat die Überschrift trotzdem recht. Ein Plan, den wir im Januar allein am Schreibtisch aufstellen, rechnet selten mit unserem echten Alltag. Genau da setzt der erste der fünf Prompts an, und er ist wirklich gut.
Wir beschreiben kurz, in Stichpunkten, wie wir gerade arbeiten, was im letzten Jahr schiefging und was wir erreichen wollen. Dann soll die KI nicht sofort antworten. Sie soll uns erst fünf bis sieben Rückfragen stellen, zu unserem Alltag, unserer Energie, unseren Prioritäten. Erst danach beschreibt sie, wie ein realistischer Alltag in einem Jahr aussehen könnte.
Entscheidend ist die Richtung: Nicht wir fragen die Maschine aus, sie fragt uns aus. Genau darin steckt die beste Idee der ganzen Gattung.
Listen haben außerdem einen zweiten Nutzen: Sie senken die Schwelle. Wer noch nie etwas mit einer KI ausprobiert hat, bekommt damit einen Einstieg, und mehr muss eine Liste nicht leisten.
Mich begeistert vor allem die Rückfrage. Eine Maschine, die erst zuhört und nachhakt, bevor sie antwortet, kannte ich lange nur aus Science-Fiction. Heute haben wir so ein Gegenüber im Browser, und es stellt tatsächlich kluge Rückfragen, wenn wir es lassen. Wir erleben als Zeitzeugen mit, wie das gerade alltäglich wird, und das finde ich großartig.
Was eine fremde Liste nicht wissen kann
Die Formulierung ist das Kleinste an einem guten Ergebnis. In den ersten Jahren haben kleine Tricks noch geholfen, eine Rolle vorgeben etwa oder die Bitte, Schritt für Schritt zu denken. Heute erledigen viele Modelle das von selbst, bevor sie antworten, und ganz normale Sprache reicht. Was ihnen fehlt, ist das, was nur wir wissen: in welcher Lage wir stecken, woran wir ein gutes Ergebnis messen, was letztes Mal danebenging. Eine fremde Liste kennt das nicht. Kopieren wir einen fremden Prompt, bekommen wir die Antwort für einen Durchschnittsmenschen, den es nicht gibt.
Tobi Lütke, der Chef von Shopify, schrieb schon im Juni 2025, ihm gefalle „Context Engineering“ besser als „Prompt Engineering“. Der Begriff beschreibe die eigentliche Fähigkeit genauer: der KI allen Zusammenhang mitzugeben, den sie braucht, damit die Aufgabe für sie plausibel lösbar wird.
Dazu kommt ein leiser Schaden. Listen gewöhnen uns daran, nach Zauberworten zu suchen. Ist das Ergebnis schwach, suchen wir den besseren Prompt, statt zu fragen, was die KI über unsere Arbeit nicht wissen konnte. Die zweite Frage ist unbequemer. Sie ist auch die, die weiterhilft.
Was bei mir aus der Sammlung wurde
Meine Prompt-Sammlung liegt noch irgendwo in einer Notiz. Gebraucht habe ich sie lange nicht. An ihre Stelle sind Arbeitsanleitungen getreten, bei manchen KI-Assistenten heißen sie Skills. Ein Skill ist eine Textdatei, die beschreibt, wie eine wiederkehrende Arbeit abläuft: die Schritte, die Maßstäbe, die typischen Fehler und die Stellen, an denen die KI anhalten und mich fragen muss.
Vor Kurzem habe ich die KI zuschauen lassen, wie vier meiner Einordnungen entstanden sind, und sie gebeten, daraus eine Anleitung zu machen. Sie hat den ganzen Ablauf aufgeschrieben, vom Zitat bis zum fertig vorbereiteten Beitrag, samt den Stellen, an denen es gehakt hatte. Ich saß davor und habe gestaunt. Die wertvollsten Zeilen darin sind Erfahrungen. Dass eine KI, die einen Text jedes Mal mit frischem Blick prüft, in jeder Runde neue Kleinigkeiten findet und der Text so kein Ende nimmt. Erst wenn dieselbe Prüferin sieht, was aus ihren eigenen Einwänden geworden ist, kommt er zur Ruhe. Dass ein Zitat ohne Anführungszeichen plötzlich klingt, als würde ich die Leser duzen. Dass die KI vor dem Veröffentlichen anhält, weil ich diesen Klick selbst mache. Das alles stammt aus meinen eigenen Fehlern.
Aus zwanzig Jahren Arbeit an Abläufen im Büro kenne ich das Muster. Ein Prozess lässt sich erst dann automatisieren, wenn jemand ihn so aufschreiben kann, dass ein anderer ihn versteht. Früher war der andere eine neue Kollegin oder ein Workflow-System. Heute ist es auch eine KI. Im Unternehmen heißt das: Die Skills eines Teams sind seine Einarbeitungsunterlagen, und wer sie schreibt, bestimmt, wie die KI dort arbeitet. Das Aufschreiben bleibt bei uns, und genau dabei führen wir.
Falls wir beim Blick auf all die Listen das Gefühl haben, hinterherzuhinken: Die wichtigste Fähigkeit für die Arbeit mit KI haben viele von uns längst geübt. Wer schon einmal jemanden eingearbeitet hat, hat genau das getan: Kontext weitergegeben. Das ist dieselbe Arbeit, nur mit einem neuen Gegenüber.
Der Kopiertest
Bevor wir die nächste Liste speichern, hilft eine kleine Frage: Passt dieser Prompt für die Kollegin am Nebentisch genauso gut wie für uns? Wenn ja, steckt wenig von uns darin. Dann taugt er als Anfang, und wir ergänzen drei Sätze, die nur wir schreiben können. Wie ist unsere Lage? Woran erkennen wir ein gutes Ergebnis? Was ist beim letzten Mal schiefgegangen?
Oder wir machen es wie der beste Prompt der Liste und lassen uns zuerst ausfragen. Dann kommt der Kontext von selbst, eine Rückfrage nach der anderen.
Prompts lassen sich sammeln. Den Kontext müssen wir mitbringen.
Was wir mitnehmen können
Prompt-Listen sind nicht das Problem. Sie sind eine Tür, und manche davon ist gut gebaut. Dahinter beginnt das Eigentliche: unsere Arbeit so genau zu beschreiben, dass jemand anderes sie erledigen könnte, ein Mensch oder eine Maschine. Das ist eine alte Fähigkeit, sie hieß früher Einarbeitung. Mit ihr brauchen wir die Listen kaum noch. Ein Gegenüber, das mitdenkt und nachfragt, gibt es inzwischen wirklich. Worum es in unserer Arbeit geht, erfährt es von uns, und genau deshalb führen wir.