Miteinander arbeiten · September 2026
„Wer über andere lästert, redet auch über dich“, und warum wir am Tresen trotzdem mitlachen
Eine Büroküche am späten Nachmittag, ein paar Kaffeebecher auf dem Tresen. Die Kollegin im Blazer nimmt ihren Becher und geht, die Glastür schwingt noch nach. Ein Kollege hält die Hand vor den Mund, grinst und beugt sich zu seiner Nachbarin. Sie lacht, bevor er überhaupt fertig ist. Dazu passt ein Satz, der gerade als Graffiti durch die Feeds wandert: „Wer über andere lästert, sobald sie den Raum verlassen, redet auch über dich. Garantiert.“ Beim Lesen fallen uns sofort ein paar Leute ein, auf die das passt. Etwas später und leiser fallen uns auch ein paar eigene Sätze ein, gesagt in genau so einer Küche.
Was daran stimmt
Der Satz trifft etwas Wahres. Wer vor uns regelmäßig über Menschen herzieht, die nicht dabei sind, zeigt uns nebenbei, wie er mit Vertrauen umgeht. Was ihm die Kollegin am Montag anvertraut hat, liegt am Mittwoch bei uns auf dem Tresen. Wir haben wenig Grund anzunehmen, dass unsere Geschichten einen anderen Weg nehmen.
Warum es uns trotzdem passiert
Über andere zu reden, gehört zum Menschsein. Der Anthropologe Robin Dunbar hat in den Neunzigern Gespräche in Cafés und Mensen mitgeschrieben: Rund zwei Drittel der Zeit ging es um soziale Themen, also darum, wer mit wem was gemacht hat. Das meiste davon ist harmlos, manches sogar nötig. Wenn wir uns Sorgen um eine Freundin machen, reden wir über sie.
Und gelästert haben wir alle schon, meistens in einem schwachen Moment. Nach einem langen Tag, an dem uns alles zu viel war. Wenn wir uns übergangen fühlen oder ein bisschen neidisch sind. Wenn wir neu im Team sind und einfach dazugehören wollen. Lästern schafft in Sekunden eine Nähe, für die wir sonst Wochen bräuchten: wir zwei gegen die, die nicht da ist. Es sagt oft mehr über unseren Zustand als über den Menschen, der gerade zur Tür hinausgegangen ist. Und manchmal lästern wir ausgerechnet über das, was wir uns selbst nicht erlauben: dass sie so bestimmt auftritt, dass sie pünktlich geht, dass ihr egal ist, was wir von ihr denken.
Was es anrichtet
Harmlos wird es dadurch nicht. Das Bild, das wir in der Küche von der Kollegin zeichnen, bleibt hängen, und sie kann es nicht geraderücken, weil sie nie davon erfährt. Beim nächsten Projekt, bei der nächsten Beförderung sitzt es ein bisschen mit am Tisch.
Und es kostet uns selbst etwas. Die Nähe am Tresen hat ein eingebautes Verfallsdatum, denn wir wissen beide, dass der andere morgen genauso über uns reden könnte. Dazu kommt dieses schale Gefühl auf dem Heimweg.
Oft sind wir dabei gar nicht die, die flüstern. Wir sind die, die lachen, und ohne dieses Lachen würde das Lästern nach drei Sekunden verhungern.
Das „Garantiert“ ist zu hart
Und der Kollege, der an diesem Nachmittag geflüstert hat? Vielleicht hatte er einfach so einen Tag, wie wir ihn auch kennen. Ein einziges Mal macht noch keinen Verräter. Der Kollegin im Blazer schadet schon dieses eine Mal. Über ihn und über uns sagt es noch wenig. Das ändert sich erst, wenn daraus eine Gewohnheit wird.
Ein halber Satz
Manchmal taucht am Tresen eine kleine Frage auf: Würden wir es genauso sagen, wenn die Tür wieder aufgeht? Und manchmal schaffen wir sogar einen halben Satz, der die Richtung dreht: „Frag sie doch selbst.“ Oder: „Mit mir war sie immer fair.“ Das kostet eine Sekunde peinliche Stille. Dafür gehen wir leichter nach Hause.
Ausrutschen ist menschlich. Nur trifft jeder Ausrutscher jemanden, der nicht dabei war.
Was wir mitnehmen können
Es wird uns wieder passieren, dass wir mitlachen oder selbst etwas sagen, das wir lieber nicht gesagt hätten. Dafür müssen wir uns nicht verurteilen. Es ist schon viel, wenn wir es bemerken. Und manchmal sagt einer am nächsten Tag: „Das gestern war nicht fair von uns.“ Wenn wir diesen Satz einmal gesagt oder gehört haben, wissen wir, wie sehr er beide erleichtert. Die Kollegin im Blazer erfährt davon vielleicht nie etwas. Morgen ist Kaffeepause, und die Tür geht wieder auf.