Innehalten · September 2026
„Nimm dir Zeit für Menschen, die sich Zeit für dich nehmen“, und warum gerade die ohne Zeit uns oft am meisten brauchen
Dienstagabend, es klingelt. Er öffnet die Tür mit dem Baby an der Brust, im T-Shirt von gestern, seit drei Monaten ohne eine Nacht am Stück. Draußen steht sein Freund, eine Einkaufstüte im Arm und eine Box vom Thailänder in der Hand. „Ich bleib nicht lang. Ich dachte nur, bei euch ist der Kühlschrank sicher leer.“ In den letzten Monaten hat der junge Vater kein einziges Mal angerufen. Den Geburtstag des Freundes hat er vergessen. Auf Instagram kursiert ein Foto von einer Hausmauer, darauf der Satz: „Nimm dir Zeit für Menschen, die sich Zeit für dich nehmen.“ Streng nach diesem Satz hätte der Freund an diesem Abend zu Hause bleiben können.
Was daran stimmt
Der Satz erinnert an eine Reihenfolge, die uns ständig verrutscht. Unsere beste Zeit geht oft an die, um die wir werben. An den Kollegen, dessen Anerkennung wir wollen. An die Runde, in der wir uns erst beweisen müssen. Und die, die immer da sind, bekommen den Rest. Eben weil sie verlässlich sind, kommt es uns vor, als könnten sie warten.
Dabei ist Gegenseitigkeit nichts Kleinliches. Eine Freundschaft, in der nur einer anruft, nutzt den Anrufenden ab, Jahr für Jahr. Insofern ist der Satz auch eine Erlaubnis, nicht mehr um Menschen zu werben, denen wir auf Dauer gleichgültig sind. Und er lenkt den Blick auf die, die längst da sind.
Wo der Satz zur Buchhaltung wird
Streng gelesen führt der Satz allerdings ein Konto. Zeit gegen Zeit, Anruf gegen Anruf, und wer im Minus ist, fliegt raus. Wenn wir jahrelang die waren, die angerufen haben, verstehen wir diese Buchhaltung gut. Irgendwann sind wir müde. Nur ist nicht jede Stille Desinteresse. Unsere Leben laufen nicht im gleichen Takt. Es gibt Phasen, in denen jemand schlicht nichts übrig hat. Die ersten Monate mit einem Baby. Die Zeit, in der jemand den eigenen Vater pflegt. Eine Depression, eine Trennung, der Verlust der Arbeit. In diesen Phasen kann ein Mensch am wenigsten Zeit geben und braucht sie gleichzeitig am meisten.
Würden wir alle den Satz wörtlich befolgen, fielen diese Menschen aus unserem Leben, genau in dem Moment, in dem sie uns am dringendsten bräuchten. Der vergessene Geburtstag hat den Freund in der Tür gekränkt, und die Monate ohne Anruf haben an ihm gezehrt. Gerechnet hat er trotzdem nicht. Er hat hinter dem Schweigen einen gesehen, der keine Kraft mehr zum Anrufen hat, und ist gekommen. Vielleicht kommt das irgendwann zurück, in einer anderen Phase, mit einer anderen Tüte. Vielleicht auch nicht. Den Dienstagabend wird der junge Vater so oder so nicht vergessen.
Für wen wir keine Zeit haben
Und dann gibt es noch eine Frage, die der Satz gar nicht stellt. Für wen sind wir eigentlich die, die sich keine Zeit nehmen? Wenn wir ehrlich sind, fällt uns mehr als ein Name ein. Die Freundin, die uns seit Monaten zum Essen einlädt und von uns jedes Mal ein „Gerade ist so viel los“ bekommt. Die Tante, die immer anruft und die wir nie zurückrufen. Würden sie den Satz auf uns anwenden, wären wir längst draußen.
Dabei stimmt das „Gerade ist so viel los“ meistens sogar. Manchmal steht es auch für ein „Ich mag gerade nicht“, das wir uns selbst nicht gern eingestehen. Gleichgültig sind wir trotzdem selten, eher müde und überrollt. Nur weiß die Freundin das nicht. Bei ihr kommt etwas anderes an: „Du bist gerade nicht wichtig genug.“ Irgendwann hört sie auf zu fragen, und meistens merken wir erst Monate später, dass da jemand fehlt.
Zum Glück geben manche trotzdem nicht auf. Sie schenken uns Zeit, obwohl unser Konto bei ihnen tief im Minus steht. Das ist eine leise Großzügigkeit, und eben deshalb bemerken wir sie selten. Und wir leben alle ein Stück weit davon.
Wer sich Zeit für uns nimmt, ist ein Geschenk. Wer gerade keine hat, braucht unsere Zeit vielleicht am meisten.
Was wir mitnehmen können
Am Ende bleibt vor allem Dankbarkeit für die Menschen, die verlässlich auftauchen, oft schon so lange, dass wir es kaum noch bemerken. Und manchmal fallen uns die auf, die in letzter Zeit still geworden sind. Nicht als offene Rechnung, eher mit der Ahnung, dass da gerade jemand keine Luft zum Anrufen hat. Eine Tüte Einkäufe vor der Tür braucht keine Gegeneinladung. Sie ist einfach da, an einem Dienstagabend, an dem der Kühlschrank leer ist.