Einordnung · Mai 2026

Der Teufel als Ausrede — und was du gewinnst, wenn du ihn aufgibst

Ein Schwarz-Weiß-Porträt, strenger Blick, ein Satz in Serifen, das Wort desires in Rot — darunter ein großer Name. Diesmal lohnt der zweite Blick nicht, um etwas zu entlarven, sondern weil der Satz tatsächlich klug ist.

Auf Deutsch: Der Teufel war nie das Problem — die Menschen brauchten nur jemanden, dem sie ihre eigenen Wünsche in die Schuhe schieben konnten.

Egal, ob von Kafka

Ob diese Zeilen wirklich von Kafka stammen? Eher nicht — der Satz klingt zu glatt, zu sehr nach Timeline. Aber das ist hier ausnahmsweise vollkommen gleichgültig. Ein wahrer Gedanke gehört niemandem. Dass Menschen sich einen Schuldigen außerhalb ihrer selbst erfinden, um die eigenen Wünsche nicht ansehen zu müssen, wussten Tempel, Stoiker und Beichtstühle schon vor Jahrtausenden. Was wir für neu halten, ist meist nur neu formuliert. Der Name unter dem Zitat ist bloß der jüngste Bote — und ein guter Gedanke braucht keinen berühmten Absender, um wahr zu sein.

Der Teufel ist nur der Haken

Denn der Satz handelt gar nicht vom Teufel. Er handelt von uns. Der Teufel ist ein Garderobenhaken: ein Ort, an den wir hängen, was wir nicht selbst tragen wollen. Mal heißt der Haken Teufel, mal die Umstände, mal der Ex, mal die Erziehung. Immer geht es darum, „ich nicht“ sagen zu können. Das ist zutiefst menschlich und uralt — und es ist dieselbe Bewegung wie immer: lieber nach außen zeigen als nach innen sehen.

Einordnen heißt hier nicht, den Spruch zu zerlegen, sondern ihn beim Wort zu nehmen: Der Teufel sitzt überall da, wo wir „ich nicht“ sagen.

Was du gewinnst, wenn du ihn aufgibst

Und jetzt das Gute, denn das steckt mitten in diesem düsteren Satz. Wenn der Teufel nie das Problem war, dann lag die Macht auch nie außerhalb von dir. Einen Schuldigen zu benennen fühlt sich nach Entlastung an — in Wahrheit gibt man dabei das Einzige ab, das man behalten will: das Steuer. Der eigene Wunsch, einmal als meiner anerkannt, ist keine Schande, sondern ein Hebel. Was mir gehört, kann ich lenken. Was ich dem Teufel überlasse, lenkt mich.

Die nützlichere Frage ist deshalb nicht „Wer hat mich dazu gebracht?“, sondern „Was will ich da eigentlich — und was mache ich damit?“ Die eine sucht einen Schuldigen. Die andere gibt dir das Steuer zurück.

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